Social Media-Plattformen sind zentrale Räume gesellschaftlicher Meinungsbildung. Sie sind demnach kein neutraler Raum, sondern Ort kultureller Kämpfe um Sichtbarkeit, Macht und gesellschaftliche Normen: Was sichtbar ist, beeinflusst, was denkbar bleibt. Doch aktuell lässt sich auf den sozialen Plattformen wie TikTok und Instagram ein beunruhigender Trend beobachten. So sind diese Plattformen zunehmend Zielscheibe und Vehikel für politisch und ideologisch motivierte Einflussnahme. Neben Desinformationen gewinnen radikalisierende Inhalte auch in Form von bestimmten Geschlechterbildern an Einfluss. Dies stellt nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein sicherheitspolitisches Risiko dar – insbesondere, wenn entsprechende Narrative von autoritaren Akteuren aus dem In- und Ausland gezielt verbreitet werden.
Dieser Trend macht sich vielseitig bemerkbar: Verstärkt durch algorithmische Logiken verbreiten sog. „Incels“ frauenfeindliche Inhalte, welche insbesondere unter jungen Männer eine hohe Reichweite aufweisen. Gleichzeitig zeigt sich unter Hashtags wie #SkinnyTok, aber auch in ästhetisch aufbereitetem „Trad Wife“-Content, welcher „Anständigkeit“ oder die vermeintlichen Vorteile einer Art „Hausfrauenehe“ propagiert, exemplarisch die konservative Rückbesinnung auf überholte Geschlechterrollen: Weiblichkeit wird erneut über Unterordnung, Kontrolle und visuelle Konformität definiert. Parallel dazu geraten feministische, queere und körperpositive Inhalte algorithmisch ins Hintertreffen. Sichtbar ist hingegen alles, was schlank, „anständig“ und normschön ist.
Die Folgen dieser auf Social Media propagierten Schönheitsideale wie z.B. Essstörungen oder andere mentale Belastungen sind dabei keineswegs bloß individueller Natur. Theoretikerinnen wie Simone de Beauvoir haben schon früh darauf hingewiesen, dass die Disziplinierung des weiblichen Körpers ein wirkmächtiges Instrument struktureller Kontrolle ist. Wer anstelle von intellektueller Selbstverwirklichung, politischer Teilhabe oder beruflicher Ambition seine Zeit und Energie permanent in sein äußeres Erscheinungsbild investiert, verliert gesellschaftliche Handlungsmacht. Was bei diesen Influencer*innen also auf den ersten Blick nach Lifestyle oder Selbstoptimierung aussieht, entwertet in Wahrheit emanzipatorische Errungenschaften systematisch.
Die Verbreitung von reaktionärem Content ist dabei Ausdruck eines strukturellen Backlashs gegen gesellschaftliche Fortschritte im Bereich Gleichberechtigung, Körpervielfalt sowie Selbstakzeptanz und steht in engem Zusammenhang mit der globalen Renaissance nationalistisch-moralistisch aufgeladener Politiken: Prüderie, die Einschränkung weiblicher Autonomie, die Aufwertung traditioneller Geschlechterrollen.
Narrative rund um „feminine Energie“, Häuslichkeit, sexuelle Reinheit und Körperkontrolle werden gezielt genutzt, um rückwärtsgewandte, oft religiös-fundamentalistisch geprägte Geschlechterrollen zu normalisieren, stabilisieren und manifestieren. Der weibliche Körper wird so zur Bühne illiberaler, patriarchaler Ideale. Aber auch durch feindliche politische Einflussnahme aus dem Ausland („Foreign Information Manipulation Interference“) finden diese extremistische Ideologien strategische Verbreitung. Diese Entwicklungen sind also kein kulturelles Randphänomen, sondern ein demokratiepolitisches Risiko. Sie schüren soziale Spaltung und destabilisieren das Vertrauen in demokratische Grundwerte. Deshalb ist eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit digitaler Geschlechterpolitik und Verantwortung von Politik und Plattformbetreibern notwendig.
Um demokratische Diskurse, psychische Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schützen, bedarf es strukturierter, langfristiger Maßnahmen. Diese müssen dabei die Meinungsfreiheit wahren und technologisch wie rechtlich anschlussfähig bleiben.
Die Jungen Liberalen Friedrichshain-Kreuzberg & Neukölln fordern deshalb:
Medienbildung & Prävention zu stärken durch
- den Ausbau schulischer und außerschulischer Bildungsarbeit zum Umgang mit politischer Instrumentalisierung digitaler Inhalte inkl. Aufklärung über algorithmische Verstärkungslogiken.
- niedrigschwellige, medienkritische und resilienzfördernde Bildungsangebote, die gezielt auf die Auswirkungen von Social Media auf Körperbilder, Selbstwert und psychische Gesundheit vorbereiten.
- Weiterbildungsprogramme für Lehrkräfte zu digitalen Maskulinismen & Trad-Wife-Ideologien sowie eine Implementierung in die pädagogische Ausbildung.
- Projekte oder Aufklärungsformate zur Prävention gegen digitale Radikalisierung junger Männer z.B. in Kooperation mit Männerberatungen, die an Schulen, Jugendzentren oder online gegen Incel-Narrative, Misogynie sowie rechtsextreme Männlichkeitsbilder arbeiten und alternative Rollenbilder von Männlichkeit fördern.
- eine verstärkte Kooperation der öffentlichen Hand mit Creator*innen, die aktiv gegen radikalisierende oder körpernormierende Narrative arbeiten, zur gezielten Reichweitenförderung und zum Aufbau alternativer, pluralistischer Plattformformate und Content-Pools.
Plattformverantwortung konsequent umzusetzen durch:
- eine niedrigschwellige Ermöglichung von Hinweisen aus der Bevölkerung bzgl. systemische Risiken (nach Art. 34 Abs. 1 DSA ) z.B. beim Digital Services Coordinator of Establishment.
- die Integration verantwortungsbewusster Moderationssysteme auf großen Plattformen, die ideologisch gefährliche inhalte frühzeitig erkennen, kontextualisieren und transparent einordnen, ohne die legitime Meinungsäußerung zu beschränken.
- die Einführung und Ausweitung von Triggerwarnungen und transparenten Hinweisen bei gefährdenden Inhalten.
Plattformen als Teil der digitalen Daseinsvorsorge zu verstehen durch:
- die Förderung von europäischer, souveräner und resilienter Open-Source-Lösungen, die weder von „BigTech“ abhängig noch anfällig für extremistische Einflussnahme oder gezielte Destabilisierung demokratischer Narrative sind und stattdessen Datenschutz, Nutzer*innenrechte und Transparenz garantieren bzw. die Unterstützung föderierter, nicht-kommerzieller Plattformstrukturen wie Mastodon, die manipulationsresistent und nutzerkontrolliert funktionieren.
- die Verpflichtung von Gatekeepern (sog. „Very Large Online Platforms“) zu offenen Schnittstellen zur Förderung von Interoperabilität und digitaler Teilhabe mit dem langfristigen Ziel der Einbettung in das Fediverse.
- die Ermöglichung eines niedrigschwelligen Plattformwechsels.
Konsequent den Digital Services Act umzusetzen:
- Plattformen müssen ihrer Risikoprüfungspflicht nach Art. 34 DSA umfangreicher nachkommen. Das muss auch im Hinblick auf Geschlechterrollen, geschlechtsspezifische Diskriminierung, Bodyshaming, Essstörungen oder psychische Belastungen geschehen.
- Der Zugang zu Plattformdaten nach Art. 40 Abs. 4 DSA muss konsequent ermöglicht werden, um unabhängige Forschung zu algorithmischer Diskriminierung und Genderwirkungen betreiben zu können.
- Transparenzvorgaben zu Algorithmen nach Art. 27 DSA müssen für Nutzer*innen verständlich gemacht werden.
- Bei Verstößen müssen entsprechende Sanktionen nach Art. 52 DSA konsequent und zügig verhängt werden.
Den Schutz vor ideologischer Einflussnahme zu verbessern durch:
- eine Stärkung der Cybersicherheitsarchitektur gegen algorithmische Radikalisierung und gezielte ideologische Einflussnahme.
- ein Monitoring inter- bzw. transnationaler Netzwerke, die geschlechtsbezogene demokratiefeindliche Narrative strategisch verbreiten.
- eine verstärkte Zusammenarbeit mit internationalen Partnern (G20; G7; OECD; UN), um Wissen auszutauschen und wirksame globale Standards im Umgang mit geschlechtsbezogener Gefährdung in digitalen Räumen zu entwickeln.